[FEATURE] Die Faszination an Pokémon

Neulich wurde ich bei Twitter von einem Musikerkollegen aus Kanada gefragt, was so faszinierend an Pokémon sei. Er könne es nicht verstehen, dass Menschen selbst in recht hohem Alter noch immer dieses Spiel mit den knuddeligen Monstern vergöttern und auch weiterhin spielen. Aber mal ehrlich, warum denn? Was macht dieses Spiel so gut?

Der erste Kontakt
Pokémon nahm ich Ende der 1990er Jahre im Fernsehen wahr. Ich kann mich sogar noch recht gut an den Tag erinnern, als ich zum ersten Mal eine Episode sah: Meine beiden Brüder (5 und 6 Jahre jünger als ich) saßen nachmittags im Wohnzimmer und schauten eine Anime-Serie mit seltsamen Wesen. Ich setzte mich dazu und meine Brüder erklärten mir, dass diese Wesen sogenannte Pokémon seien. Lebewese mit denen Kinder gegeneinander kämpfen. Ich fand das Konzept sehr seltsam, da ich aber Zeichentrick-Fan war, schaute ich die Serie öfter an. Irgendwann schaute ich dann einmal bewusst den Abspann nach einer Folge und entdeckte den Firmennamen Nintendo am Ende. Die Serie basierte also auf einem Videospiel. Erst einige Zeit später wurde auch Fernsehwerbung für dieses Spiel geschaltet: Pokémon war ein Gameboy-Spiel. Ich als alter Gameboy-Spieler (meinen ersten Gameboy hatte ich Anfang der 1990er Jahre) war natürlich interessiert an dem Spiel. Irgendwann lernte ich dann jemanden in der Nachbarschaft kennen, der bis heute einer meiner besten Freunde ist. Ich weiß nicht mehr, wie ich an das Spiel kam, aber irgendwie bekam ich eine Rote Edition in die Hände, hatte aber noch immer keinen Gameboy. Den musste ich mir von meinem Kumpel leihen, das war glaube ich ein Gameboy Classic, während er auf seinem recht neuen Gameboy Pocket spielte.

Pokémon als Spielzeug
Die Idee hinter Pokémon war, Kinder zusammen zu bringen. Man sollte die Gameboys verbinden und miteinander tauschen und gegeneinander kämpfen. Diese soziale Komponente war extrem wichtig. Wenn man auf dem Spielplatz saß und gefragt wurde ob man Pokémon-Spieler war, holten irgendwann alle ihre Gameboys von zuhause und spielten eben auf dem Spielplatz oder man setzte sich auf die Bordsteinkante. Meist tauschten wir unsere Monster nur hin und dann wieder zurück, denn hatte man ein Pokémon einmal besessen, war es im PokéDex verzeichnet egal ob man es noch hatte oder nicht. Und schaltete man beim Tauschen einen der Gameboys zum richtigen Zeitpunkt aus, war das Pokémon doppelt auf beiden Spielen vorhanden. Die Vervollständigung des PokéDex ist bis heute ein wichtiges Spielziel.

Dass ich keinen Gameboy hatte, ging mir auf die Nerven. Als ich eines Tages bei meinen Großeltern war, schob mir meine Oma plötzlich viel Geld zu und sagte, komm hol dir einen Gameboy. Ich glaube es waren damals knapp 100 DM von denen ich mir ich dann im nächsten Spielzeug-Laden (Intertoys, eine niederländische Spielzeug-Kette) einen Gameboy Color. Damit hatte ich plötzlich einen besseren Gameboy als mein Kumpel, was er nicht besonders gut leiden konnte. Eines Tages präsentierte mir mein Kumpel nach ein paar Klicks auf dem PC ein neues Pokémon-Spiel, das komplett in Farbe erstrahlte. Mir gingen die Augen auf. Die schier endlose Welt der Emulation hatte sich soeben vor mir offenbart. Es war, als hätte sich ein riesiges Tor geöffnet und dahinter würde nur ein strahlend helles Leuchten sichtbar.

Zwischendurch hatte ich mir für meinen Gameboy auch Zusatz-Hardware zugelegt, darunter auch ein Cheatmodul mit dem man sich jedes gewünschte Pokémon fangen konnte. Auf ein Mal war ich unfassbar beliebt in der Nachbarschaft. Ich fing zahlreiche Mews (Mew ist das Pokémon mit der Nummer 151, im regulären Spiel eigentlich gar nicht fangbar, sondern war nur über spezielle Events von Nintendo selbst zu bekommen), gab ihnen schweinische Namen und tauschte sie durch die Nachbarschaft. So kam es, dass alle Nachbarskinder plötzlich ein Mew mit den Namen „SEX“ oder „FICKER“ hatten. Ich war halt damals schon ein Troll!

Exkurs: Die Sammelkarten
Meine Brüder kamen später mit Pokémon-Karten nach Hause. Die Wesen, die wir aus den Fernsehen oder Spielen kannten, waren auf Spielkarten gedruckt worden, die Kinder wussten damals aber gar nicht, wie man das Spiel spielte, sondern sammelten die Karten nur aufgrund ihrer Bilder oder Stärke. Je höher die KP (Kraftpunkte) einer Karte oder je beliebter das Pokémon, desto wertvoller waren auch die Karten. Trainerkarten, die das Spiel eigentlich unterstützen sollten, wurden weggeschmissen, genau wie langweilige oder unbeliebte Pokémon-Karten. Auch die glitzernden oder holografischen Karten waren besonders wertvoll. Dinge, die eigentlich Spieler dazu anregen sollten, mehr Booster-Packs zu kaufen, lockten plötzlich Kinder an, die die Karten nur zum Anschauen und Besitzen haben wollten. Natürlich gab es bereits damals Spieler und große Turniere. In unserer Realität waren die Karten allerdings nur dazu da, sie zu sammeln und zu tauschen.

Pokémon im Internet
Wie Pilze schossen Zeitschriften aus dem Boden, die sich nicht nur den Kampfmonstern widmeten, sondern auch dem mit ihnen ausgelösten Anime-Boom. Durch den Erfolg der Pokémon TV-Serie waren japanische Trickserien plötzlich so beliebt, dass RTL2 sein komplettes Nachmittagsprogramm von mittags bis spät nachmittags mit ihnen füllen konnte. Dragonball, Digimon, One Piece… selbst Serien, die bereits einige Jahre früher auf anderen Sendern gelaufen waren (wie Sailor Moon) wurden wieder ausgegraben, komplett synchronisiert und wieder ausgestrahlt. Jede neue Staffel Pokémon wurde sehnlichst erwartet. In den Geschäften prangte plötzlich überall das Pokémon-Logo auf den Produkten. Wohin man ging, überall sah man Pikachu und seine Freunde auf Nudel-Packungen, Duschgel-Flaschen, Flummis, Süßigkeiten. Selbst das Micky Maus Magazin berichtete über die neuen Spiele und nannte eine Internet-Seite als seine Quelle: www.filb.de

Filb war damals zunächst eine Newsseite mit recht einfachem Content Management System. Bereits damals gab es dort alle Infos zu Pokémon-Spielen, -Serien und -Merchandise. An Filb angeschlossen war das Forum, dem ich zu Beginn der 2000er beitrat. Eigentlich war Filb’s World Board (wenn ich mich recht erinnere) ein reines Pokémon-Forum. Nach und nach öffnete man sich aber auch anderen Themenbereiche, dies war auch den veränderten Interessen der Nutzer geschuldet.

Die zweite Generation
So gingen die Jahre ins Land und mein Kumpel zog aus der direkten Nachbarschaft ins Nachbardorf. Meinen Gameboy hatte ich noch, ich spielte aber weiterhin Gameboy-Spiele auf dem Emulator. Als dann die Nachfolgespiele Gold und Silber endlich auch auf deutsch erschienen, bestellte ich für mich und meinen Kumpel beide Spiele vor. Er nahm die Goldene, ich die Silberne. Gefühlt hatte ich immer die „schlechtere“ Edition. Dies ist aber eher der Farbwirkung geschuldet: Rot ist beliebter als Blau, Gold wertvoller als Silber, Rubine sind rot und Saphire sind blau. Ich hatte: Rot, Silber und Saphir. Eines Nachmittags klingelte mein Telefon (ich hatte mein eigenes Festnetz-Telefon mit eigener Nummer und festgelegtem Guthaben, das ich abtelefonieren durfte). Karstadt rief an. Die Spiele waren angekommen. Ich schwang mich auf mein Fahrrad und fuhr in die Stadt. Bezahlt hatte ich die Spiele bereits und kam so freudestrahlend mit zwei Gameboy-Spielen nach Hause. Sofort wurde mein Kumpel angerufen, der mir sagte, er würde dafür sorgen, dass er schnell zu mir kommen könnte. 20 Minuten später war er bei mir, stand erwartungsvoll in der Tür und nahm seine Goldene Edition in Empfang. Die nächsten Stunden lagen wir auf meinem Bett und spielten jeder für sich unsere neuen Pokémon-Spiele. Zutiefst versunken, ohne ein Wort zu sagen. Eigentlich kannten wir die Spiele bereits, da wir sie ja schon auf dem Emulator angespielt hatten. Aufgrund der Sprachbarriere hatten wir sie aber nie ernsthaft durchgespielt.

Die frühen 2000er
Dann kamen die ersten Pokémon-Filme ins Kino. Die Eintrittskarte zum 2. Kinofilm habe ich bis heute. Wenn mich also jemand fragen sollte, was ich am 21.12.2000 (der Premieren-Tag) um 15 Uhr gemacht habe, dann kann ich das sehr genau beantworten: Wir waren im Kino. Vor dem Kino war eine große Menge an Kindern und nur wenige Erwachsene. Schließlich waren wir alt genug, allein ins Kino zu gehen. Selbst mit absolut fremden Kindern hatte man sofort ein Gesprächsthema und tauschte sich begeistert über die Spiele oder die Filme aus. Allerdings nahm ich zu diesem Zeitpunkt die ganze Merchandising-Maschinerie nicht mehr ernst. Das mag daran liegen, dass ich mit 15 Jahren schon recht alt war, nicht zu alt, aber deutlich älter als das restlich Kinopublikum an diesem Tag. Ich kann mich recht gut daran erinnern, dass ich während des Films laute Kommentare ins Kino rief, die zumindest für Gelächter sorgten. Denn trotz der für einen japanischen Trickfilm recht gehobenen Animationsqualität war besonders der zweite Film einfach komplett bescheuert.

Die TV-Serie schaute ich irgendwann auch nicht mehr. In einer Episode wurde der Held der Serie Ash auf einmal in ein Pikachu verwandelt und lief so einige Zeit herum. Das war dann tatsächlich die letzte Folge, die ich von Pokémon bewusst gesehen habe. Ich habe später als das Konzept der Serie etwas angepasst worden war zwar noch mal versucht, wieder in die Serie einzusteigen, mehr als eine handvoll Folgen habe ich aber nicht mehr mitbekommen. 2001 verkaufte ich meinen Gameboy Color an meinen Cousin, um durch dieses Geld mein Budget für den Gameboy Advance zu vergrößern. Dieser kostete 87 Euro und kam in Schwarz daher. Jetzt im Moment wo ich diesen Artikel schreibe, liegt der GBA noch immer vor mir auf dem Schreibtisch, selbst die Verpackung mit dem Preisschild habe ich noch. Die Saphir Edition machte mir aber nicht mehr den gleichen Spaß wie die vorherigen. Zu wenig hatte sich das Spiel weiterentwickelt.

Veränderungen in der Internet-Community
Irgendwann trat auch mein Kumpel dem Forum bei, also fand unsere Kommunikation irgendwann ausschließlich darüber statt. Somit ist das FWB eine frühe Art von Facebook für Pokémon-Fans. Das Publikum im Forum wurde aber zunehmend älter. Aus den Kindern und Jugendlichen (von denen ich ohnehin einer der ältesten war) wurden junge Erwachsene Ende 10 – Anfang 20. Und bei jeder neuen Veröffentlichung eines Pokémon-Spiels wurde wieder eine Welle „Kinder“ in das Forum gespühlt. Einerseits war es witzig zu sehen, dass sich diese Kinder genau so daneben benahmen wie wir das in diesem Alter getan hatten. Ein bisschen elitär guckten wir also schon auf sie herunter. Andererseits war es einfach anstrengend bei jeder neuen Edition immer wieder mit der gleichen Art Kids zu tun zu haben. Auch das Thema Pokémon wurde uns irgendwann zu kindisch, wir wollten aber die Kommunikation mit der Community nicht verlieren. So wurde das Forum in zwei Bereiche getrennt — ein reiner Bereich für Pokémon auf der einen, ein Bereich mit allen anderen Themen auf der anderen — und bekam eine zweite Domain (das neue Forum hieß Community Point). Die Community war aber weiterhin eins und man konnte mit einem Klick in den jeweils anderen Bereich wechseln.

Das Ende meiner Pokémon-Zeit
Etwas später wurden dann noch Feuerrot und Blattgrün veröffentlicht, die Remakes der allerersten Editionen für den Gameboy waren. Die Blattgrüne Edition war zeitgleich mein letztes Pokémon-Spiel. Vor allem weil die Nachfolge-Spiele auf dem Nintendo DS erschienen und ich mir diesen einfach nicht mehr leisten konnte und wollte. Dies war der Moment als ich zum Retro-Gamer wurde, denn von da an suchte ich nach alten Spielen für meinen Gameboy.

Pokémon heute
Heute wird Pokémon als reines Kinderspiel wahrgenommen. Das liegt vor allem an der kindgerechten Vermarktung des Franchises. Schaut man aber unter die Haube der ersten beiden Spiel-Generationen Rot/Blau und Gold/Silber wird man dort ein komplexes JRPG finden. Das Spielkonzept wurde im Kern nie wieder geändert. Die einzigen groß angelegten Änderungen sind immer wieder neue Pokémon, die sinnlos in das immer gleiche Spiel geklatscht werden. Zwar entwickeln sich die Spiele durch immer bessere Handheld-Konsolen besonders grafisch immer weiter. Aber selbst langjährige Fans, die noch immer Pokémon-Spieler sind, sind ein ums andere Mal enttäuscht von den Neuauflagen. Nintendo muss aber auch gar nichts ändern. Denn das, was uns damals als Kinder an die Gameboys gefesselt hat, fesselt die Kinder heute an den (3)DS. Manche ältere Spieler holen sich ihre Kindheit heute wieder zurück, in dem sie sich die Spiele per Emulator auf das Smartphone holen. Meinen Bruder habe ich am Wochenende dabei erwischt, wie er total entspannt ein Pokémon-Spiel der ersten Generation spielte. Dies ist allerdings eher als eine ironische Hipster-Herangehensweise zu bewerten.

Fazit
Pokémon war ein Teil unserer Kindheit. Eine prägende Zeit, in der es einfach war mit anderen Kindern zu kommunizieren und zu interagieren. Heute geschieht dies oft nur noch über das Internet, Spiele, die ein solches Verhalten unterstützen und honorieren, gibt es nicht mehr. Außer natürlich den Pokémon-Spielen, die noch immer Kämpfe zwischen zwei Spielern ermöglichen.

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8 Gedanken zu „[FEATURE] Die Faszination an Pokémon“

  1. Soviel ich weiß, war Mew durch eine genau bestimmte Abfolge bestimmter Handlungen im Spiel auch regulär zu bekommen. Im Prinzip ein „erlaufbarer“ Cheat.

  2. Doch, wenn die MS Anne nicht abfährt. Das geht wenn man während dem Kampf mit Gary auf der MS Anne stirbt, nachdem man bereits den Zerschneider erhalten hat.

    Ich weiß es, da ich es ausprobiert habe, ABER der LKW steht da halt dummerweise einfach nur rum und nichtmal 100x Pokéflöte spielen, hat was gebracht 😀

    Das von mir angesprochene hat mir damals ein Freund gesagt und er habe es selbst ausprobiert und es hätte geklappt. Gibt auch mehrere YouTube-Videos darüber.

  3. ich habs auch erst etliche jahre nach meiner aktiven pokemonzeit erfahren. viel mehr wurde es auch erst so spät dann bekannt 🙂

    hätte ich das damals gewusst…

  4. Ein schöner Bericht, der mir die „Faszination Pokemon“ etwas näher gebracht hat. Auch deine Schreibweise gefällt mir sehr gut, da du auf eine sehr persönliche Art und Weise deine Erfahrungen mit den Spielen teilst. Klasse!

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