Sind wir noch zu retten?

Heute tue ich etwas, das ich schon sehr lange nicht mehr gemacht habe. Einen Textbeitrag schreiben. Warum tue ich das? Ich habe ein Problem. Ein Problem mit der allgemeinen Berichterstattung über Comics im Internet. Ja, das war neulich schon mal Thema. Ich weiß. Ja, das Problem ist nicht neu. Ich weiß. Ich bin im Moment aber an einem Punkt, der es mir schwer macht, mein aus Liebe zum Medium und aus dem Spaß daran geborenes kleines Projekt weiterzuführen. Ich weiß nicht, ob ich eine Lösung für dieses Problem anbieten kann. Ich weiß nicht mal, ob irgendjemand diesen Beitrag überhaupt lesen wird. Aber auch das ist Teil des Problems. Aber was ist mein Problem?

Es gibt keine unabhängige Berichterstattung über Comics. Wie kann ich so etwas Absolutes sagen? Ganz einfach. Der deutschsprachige Comic-Markt ist klein. Somit sind Comiclesende auch immer Exoten. Sonderlinge. Man wird eben komisch angeguckt, wenn bermerkt wird, dass man Comics liest. Hat bestimmt schon mal jeder erlebt. Trotz dem Comics in Form der gesellschaftlich akzeptierteren Graphic Novels in den Feuilletons großer Tageszeitungen angekommen zu sein scheinen, fühlt man sich als Comic-Fan immer noch wie ein Aussätziger. Zu trivial, Kinderkram. Lies doch mal lieber ein „richtiges“ Buch. Comics als Hobby ist etwas für Nerds. Daran ändert auch die Existenz der Superheld_Innen im Kino und TV nichts. Diese sind von ihrem Ursprungsmedium so sehr entfremdet, dass die hohen Einspielergebnisse sich eben nicht auf die Verkaufszahlen der bunten Heftchen auswirken. Keine Angst ich komme gleich auf des Pudels Kern.

Die Beschäftigung mit dem Thema Comic als Hobby oder Beruf hat immer auch mit Idealismus zu tun. Comic-Schaffende klagen darüber, von ihrem Werk nicht leben zu können. Auftragsarbeiten halten die Webcomics am Leben. Autragsarbeiten für Apotheken-Umschauen und Jugendmagazine, von denen die Leserschaft des innovativen und frechen Webcomics kaum etwas mitbekommt. Im berichtenden Bereich ist es eher noch schwerer. Wenn man nicht gerade für Feuilletons einer großen Zeitung arbeitet, führt man wahrscheinlich einen kleinen Blog, schreibt (für) Sekundarliteratur, produziert einen Podcast und/oder eine Sendung auf Youtube (oder anderen Videoplattformen, aber eben meistens Youtube). Um vielleicht irgendwann davon Leben zu können? Im Videobereich dürfte das häufiger vorkommen. Groß ist der Traum, es in einem Mediennetzwerk zu etwas zu bringen. Andere machen es doch vor. Wie schwer kann es sein, jede Woche 10 Minuten in eine Kamera zu gucken und Unsinn zu reden? Wie aufwändig kann es sein, ein wöchentliches Podcast-Projekt zu betreuen? Man redet doch nur in ein Mikrofon? Einen Text schreiben? Pah! Pillepalle!

Die Antwort? Fucking schwer! Ich kann es tatsächlich nur aus der Perspektive eines Blogs und Podcasts bewerten. Youtube habe und werde ich nie machen. Ich weiß aber, dass die Arbeit an 5 – 10 Minuten Videomaterial pro Woche sehr zeitfressend ist. Für alle Bereiche gilt: Je professioneller es sein soll, desto mehr Zeit nimmt es auch in Anspruch.

Wenn es so anstrengend ist, warum mache ich es dann? Weil es mir Spaß macht. Ich rede gerne über die Dinge, die mich beschäftigen. Nein, ich will kein Geld damit verdienen. Nein, ich brauche kein großes Publikum, das mir zujubelt und mich toll findet. Ich habe nur das verquere Bedürfnis anderen Menschen meine Meinung mitzuteilen. Vielleicht, weil ich denke, andere sollten hören, was ich zu sagen habe? Ja. Aber NerdNerdNerd war und wird immer ein Angebot sein. Dieses Angebot kann man wahrnehmen oder nicht.

Aber was ist jetzt das Problem? Ich mache nicht nur Podcasts, ich höre sie auch. Sehr gerne. Podcasts haben in meinem Leben vor etlichen Jahren das Fernsehen ersetzt. Wenn ich meine Zeit schon verplempern will, höre ich eben Leuten zu, die wirklich was zu sagen haben. Die Themen gehen von Popkultur (Comics, Filme, Videospiele) über (netz-)politische Diskussionen zu Laber-Podcasts. Und ich lege Wert darauf, am Ende etwas schlauer zu sein als vorher. Jetzt kann es vorkommen, dass ich besser informiert bin als die Menschen, denen ich gerade zugehört habe, Dinge besser beurteilen kann. Oder ganz platt gesagt: die Leute keinen blassen Dunst haben, von was sie da überhaupt reden. Und dann guckt man auf ihr Publikum. Angebliche Hörerzahlen im 4stelligen Bereich. Youtube-Abos noch und nöcher. Erfolg und Qualität sind immer zwei verschiedene paar Schuhe, das war so und wird immer so sein.

Bin ich neidisch? Ja. Ich habe das Gefühl ein gutes Angebot zu liefern. Bin gut informiert, könnte mich aber gelegentlich besser vorbereiten. Ich kann die Dinge, die ich ca. alle 2 Wochen in meiner eigenen kleinen Sendung von mir gebe, fundiert einschätzen und stocher nicht ziellos im Dunkeln herum, wie andere Podcasts. Aber mir fehlt die Reichweite: Und jetzt komme ich endlich auf meine Ausgangsaussage zurück.

Wie bekommt man Reichweite? Ich komme oft durch Zufall auf für mich interessante Angebote. Etwas wird von jemanden empfohlen, retweetet, geherzt, verlinkt oder besprochen. Das deutschsprache Podcast-Angebot ist unübersichtlich. Vom internationalen gar nicht erst zu sprechen. Die deutschsprachige Comic-Podcast-Szene ist allerdings sehr übersichtlich. Die vorhandenen reinen Podcast-Formate lassen sich an 2 Händen abzählen. Für die relevanten Podcasts mit Comic-Bezug oder feste Comic-Rubriken reichen 2 weitere Hände. Nische in der Nische. Es ist nicht schwer, in dieser Nische wiederum seine Nische zu finden. So breitgefächert ist das Thema Comics. Jeder hat seinen eigenen Ansatz, kein Comic-Podcast ist wie der andere. Im Bereich der Blogs sieht das schon anders aus. Einen Blog aufzusetzen ist technisch einfacher als einen Podcast zu produzieren. Einfach ein WordPress aufsetzen. Gibts schon fertig auf WordPress.com und losgeschrieben. Ein wenig Talent um Buchstaben, Zahlen und Sonderzeichen aneinander zu reihen braucht es zwar auch, ist aber leider keine Grundvoraussetzung.

Der Blog steht, wie bekomme ich die Leute jetzt auf meine Seite? Drauf los schreiben/reden und hoffen, dass es jemand mitbekommt. Exakt so mache ich es. Ich mache keine Werbung, verlinke Sendungen ein Mal auf Twitter und Facebook. Ich dränge mich nicht auf. Ich habe das, was ich machen wollte ja schon erreicht. Ich habe schon ins Internet geredet. Mein Angebot liegt dort, ihr könnt es mitnehmen wenn ihr wollt. Kostenlos, ohne Werbung. Ergebnis: Eine kleine eingeschworene Hörerschaft.

Wie machen es dann andere? Es gibt den stehenden Begriff des Click-Baits: Methoden, die das Publikum dazu bewegen auf das Angebot zu reagieren. Das geht sehr gut mit Gerüchten über anstehende (Superhelden-)Kinofilme. Zieht garantiert immer. Und Gewinnspiele in Partnerschaft mit allem möglichen. Haben schließlich alle was von. Der Comic-Verlag, Merchandise-Hersteller, Videospiel-Publisher, Filmverleih gibt Material für das Gewinnspiel, der Podcast oder Blog verlost es, macht damit Werbung für das Material und zieht damit neues Publikum an, das wiederum das Gefühl eines Mehrwerts hat, den aber nur die Leute tatsächlich genießen, die gewonnen haben. Ein Win-Win Situation? Nein. Denn mit der Qualität der Beiträge hat dies gar nichts zu tun. Es gab vor ein paar Jahren einen Comic-Blog, der daraus ein Geschäftsmodell formuliert hat. Der sogenannte Comic Hive hat über genau diese Mechaniken versucht ein Publikum zu mobilisieren, das durch Page-Impressions und somit Werbeeinahmen den angeschlagenen Consol Verlag (der das Projekt gestartet hat) retten sollte. Die Textqualität, um die es gar nicht ging, war unterirdisch. Newsmeldungen bestanden aus Gerüchten, kurze Beiträge wurden auf mehrere Seiten aufgeteilt um mehr Seitenaufrufe zu generieren. Die Rechnung ging nicht auf, der Verlag musste Insolvenz anmelden, der Bumms wurde geschlossen.

Das Problem habe ich nicht alleine. Es gibt viele tolle Projekte, die viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Die Comic Cookies, Yay Comics zum Beispiel. Tolle Projekte, die vielleicht sogar ein größeres Publikum haben als NerdNerdNerd. Aber auf den vorderen Plätzen der iTunes-Charts sucht man sie vergebens. Und auch da ist es nicht die fehlende Qualität, sondern die fehlende Reichweite.

Wie lösen WIR das Problem? Unabhängigkeit ist das Stichwort. Ich lasse mich nicht kaufen. Weder durch oder von Rezensionsexemplaren, noch durch Gewinnspiele. Ja, ich bekomme hin und wieder Rezensionsexemplare. Gelegentlich liegt ein großer brauner Umschlag mit einem Comic-Heft darin in meinem Briefkasten. Es ist kein Brief beigelegt, keine Aufforderungen dieses Comic zu besprechen oder zu bewerben. Aber die Botschaft ist klar. Du bekommst es umsonst, aber du musst es bewerben. Und wenn du es gut bewertest, bekommt du noch eins. Und irgendwann so viele, dass du keine eigenen Comics mehr kaufen brauchst, sondern deinen Blog und Podcast nur durch Rezensionsexemplare bestreiten kannst. Zum Dank retweeten und teilen wir sogar deinen Podcast oder Blog. Der pawlowsche Comic-Nerd ist geboren. Das Signal ein brauner Umschlag, das Sabbern eine Review, die noch vor Erscheinungstermin ausgespuckt wird. Man muss ja der erste sein um seine Reichweite hochzuhalten. Gibts bei mir nicht. Ich bewerte Comics, wie ich sie bewerte. Egal ob ich sie geschenkt bekomme oder nicht. Habe ich bereits im Podcast mal erklärt und zwar in dieser Folge. Mein Programm ist nicht von einem Comic-Verlag oder -Lizenznehmer abhängig. Allerdings muss ich damit leben, so meine Reichweite nicht erhöhen zu können. Eine Hand wäscht die andere ist hier also nicht möglich.

Also was ist die Lösung? Eine Idee war vor ein paar Wochen, den Namen des Reviewenden von der Review zu trennen. Wenn man eine wie auch immer geartete Geschäftsbeziehung zu einem Verlag nicht gefährden will, dennoch etwas Negatives zu sagen hat, hat man so die Möglichkeit ehrlich zu kritisieren. Leider fällt damit das Gewicht der Person hinter der Kritik unter den Tisch. Die Aussage eines Comic-Historikers bekommt die selbe Bedeutung wie die eines kleinen Podcasters *hust* wie meine Wenigkeit. Dieses Projekt gibt es bereits. Es heißt FUCKSCHEISSCOMICS und hat schon ein paar Beiträge.

Es geht auch anders. Unabhängige Comic-Projekte profitieren wie alle anderen von Vernetzung. Sich untereinander zu bewerben weckt das Interesse des Publikums. So wird unabhängige ehrliche Kritik gestärkt und bekommt mehr Gewicht.

Ab wann bin ich denn unabhängig? Gute Frage. Ich selbst bezeichne mich als unabhängig, bekomme aber immer mal wieder Rezenzionsexemplare geschenkt. Im Unterschied zu anderen Projekten kann ich meinen Podcast aber auch dann noch voll bestreiten, wenn diese Sachzuwendungen wegfallen. Ebenso werde ich nicht durch einen Comic-Verlag o. Ä. finaziell unterstützt. Warum auch ein Sponsoring mich beeinflusst, erkläre ich im oben verlinkten Podcast.

Wie kann diese Vernetzung aussehen? Erst kürzlich hat sich ein Podcast-Werbenetzwerk namens Castronauten gegründet. Das Ziel ist es, die Reichweite der im Moment noch 25 beteiligten Projekte zu bündeln und das Angebot so für Sponsoren und Werbetreibende attraktiv zu machen. Von der Bündelung der Reichweite profitieren vor allem erst mal die kleineren Podcasts in diesem Projekt, da man sich das Publikum unter Umständen teilt. So etwas brauchen wir im Comic-Bereich. Podcastenden und Bloggende sind Eigenbrödler, das ist mir bekannt und gilt für mich wie für euch. Aber durch eine gemeinsame Plattform schaffen wir mehr Aufmerksamkeit für unsere Arbeit. Für ehrliche fundierte Besprechungen. So bekommen Leser- und Hörerschaft und schlussendlich auch die Comic-Verlage ein besseres Bild für den aktuellen Markt. Der Geschmack beider Seiten wird geschärft und die Berichterstattung wird nicht durch „gekaufte“ Beiträge verwässert.

Ich muss diese vielen Gedanken selbst erst einmal sacken lassen. Das Thema lag mir schon lange auf der Seele und die Idee eines Netzwerks trage ich schon lange mit mir herum. Dankbar bin ich wie immer für Ideen, Kritik, Verbesserungsvorschläge und sogar ein „Steffen, du hast keine Ahnung, hier und dort liegst du falsch“ kann diese Diskussion vorranbringen. Danke für eure Aufmerksamkeit, auf Wiedernerd.

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